Normannismus

Im Allgemeinen als pro-skandinavische Theorie des Ursprungs des Reiches der Kiever Rus bezeichnet. Thesen sind die Gründung des Kiever Staates durch die Skandinavier, durch die Ausnutzung der landwirtschaftlichen Produktion der lokalen Bevölkerung und Errichtung eines Handelsimperiums, die Verneinung der Gründung eines organisierten Staates durch die Slawen und der absichtliche Ruf der Skandinavier um nordrussische Streitigkeiten zu beenden. Der Normannismus wird oft auch im Zusammenhang mit Germanismus verwendet, da er durch die deutsche Akademiker an der Akademie für Wissenschaften in St. Petersburg ins Leben gerufen wurde und in Deutschland aufrecht erhalten wurde.

Sein Vertreter ist Gerhard Friedrich Müller (1705 –1783), Historiker und Geograph, der als Kontaktperson zu russischen und deutschen Zeitschriften an der Akademie der Wissenschaften galt. Der deutsche Sibirienforscher ging 1725 nach St. Petersburg und war an der Akademie als Geschichts- und Lateinlehrer tätig. 1730 wurde er mit 25 Jahren zum ordentlichen Professor ernannt. Seine Dissertation enthielt Thesen nach denen die Ostslaven nicht vor dem 6. Jahrhundert am Dnepr vorhanden waren und Waräger ausschliesslich aus Skandinavier bestanden sowie diese als Rus eine Monarchie gründeten. Die Verteidigung seiner Arbeit scheiterte am 27. Sept. 1749, während er die These aufstellte, dass „Rus“ ein Lehnwort aus dem finnischen „Ruotsi“ (= die Schweden, Ruderer) sei und ins slawische übertragen wurde. Er zog daraufhin seine Dissertation zurück.

Ein weiterer Vertreter ist der Deutsche Gottlieb Siegfried Bayer (1694 – 1738), der als Gründer des Normannismus bezeichnet wird und skandinavischen Ursprungs war. Bayer nutze an der Akademie aufgrund seiner fehlenden Sprachkenntnisse lateinische Übersetzungen als Primärquellen und war als Sinologe, Orientalist und Historiker bekannt. 1731 veröffentlichte er sein Werk „De Russorum prima expeditione constantinopolitana“ und 1736 „Origines Russicae“. Des Weiteren war er der Mentor A.L. von Schlözers.

August Ludwig von Schlözer (1735 – 1809) war als Historiker, Staatsrechtler, Schriftsteller, Publizist, Philologe und Pädagoge bekannt. Er studierte Theologie, Geographie, Sprachen des Orients, Medizin und Sprachwissenschaften und war zunächst Hauslehrer in Schweden, bevor er von 1761 bis 1770 nach Russland ging. Er war als Hauslehrer und dann als Adjunkt der Akademie und Lehrer für russische Geschichte beschäftigt. Sein Hauptwerk war die Edition der altrussischen Nestorchronik „Nestor. Russische Annalen in ihrer slavonischen Grundsprache verglichen, übersetzt und erklärt von A.L. Schlözer“, welches er 1802 und 30 Jahre nach seiner ebenfalls gescheiterten Dissertation in Göttingen veröffentlichte. Damit wollte von Schlözer die Rjurikidendynastie festigen und die gesamte russische Geschichte neu verfassen. Von Schlözer wurde 1803 / 1804 vom Zaren Alexander I. (1777, ab 1801 Zar – 1825) für seine Geschichtsschreibung in den russischen erblichen Adelsstand erhoben.

Vilhelm Ludwig Peter Thomsen (1842 – 1927), dänischer Linguist bezeichnete in seiner Vorlesungsreihe, 1879 „Der Ursprung des russischen Staates“ die Skandinavier in der Sprache der Finnen als „Ruotsi“ (berufliche Termini: Seefahrer, Rudermannschaften) in der Region um Staraja Ladoga und legte somit weitere Grundsteine für die Theorie des Normannismus, die auf den Theorien von G.F. Müller fusste.

Auch im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm zeigen die germanozentrischen Theorien ihre Wirkung. So schreibt Grimm als Erklärung des Wortes Russe: „RUSSE, m. ein angehöriger des russischen volkes oder staates. Das wort ist ins deutsche aus dem slavischen eingedrungen, Rusi, plur. Rusi. Es stammt indes ursprünglich aus dem germanischen, und bezeichnet zunächst eine skandinavische völkerschaft, die Ruszland eroberte und staatlich organisierte. Noch heute ist Ruotsi der finnische name der Schweden. Man darf darin wol germ. Hrop ŽruhmŽ vermuten.“ Im Appendum 2a/b findet sich noch der Zusatz „[RUSSE] 2a) früher meist in bezug auf ihre wildheit und grobheit, vgl. mdh. Den künic von wilden Riuzen...grober Bengel, flegel... so noch appenzellisch: Russ eine wilde, ungeschlachte person [...] aber auch mit hinblick auf die slavische unbeständigkeit: ungetriuwer. 2b) in der heutigen volkssprache ein wahrer Russe, ein abgehärteter, gesunder mensch.“ Anhand dieser Einträge wird die sehr extreme und auch radikale Vorstellung der slavischen Kultur und die starke Beeinflussung durch diese Theorien erkennbar. Somit haben die Theorien des Normannismus den ersten Zugang zu Nachschlagewerken gefunden, der auch heute noch, zwar nicht in solch radikaler Form, aber immer noch spürbar vorhanden ist.

Hans Erich Johann Thunmann (1746 – 1778), schwedischer Professor in Halle, Historiker und Philologewar ebenfalls ein Vertreter der 1772 z.B. die „Untersuchungen über die alte Geschichte der Nordischen Völker“ verfasste. 

Nikolai Mikhailovich Karamzin (1766 – 1826), russischer Autor versuchte der russischen Geschichte Tradition in seiner „History of the Russian State“ zu verleihen. Mikhail Petrovich Pogodin (1800 - 1875), russischer Historiker und Journalist, führte Karamzins Theorien und Thesen nach dessen Tod weiter.

Wassili Ossipowitsch Kljutschewski (1841 - 1911) war ein bedeutender russischer Historiker und auch Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften. Zusammen mit Aleksey Aleksandrovich Shakhmatov (1864 - 1920), einem russischen Philologen postulierten sie die Nestor-Chronik als Schlüsseldokument der russischen Geschichte.

Verwendete Quelle ist vor allem die Nestorchronik, welche auch als die altrussische Chronik oder PVL („povestŽviemennykh let“) bezeichnet wird, die vermutlich um das Jahr 1103 von einer Gruppe Kiever Mönche geschrieben wurde. Sie wird auch als Identitätsgeschichte des russischen Staates bezeichnet. Ursprünglich wurde von einem Autor ausgegangen, da die Chronik seit 1230 dem Mönch Nestor zugeordnet wurde, was sich aber als ungültig erklären liess da seine Schriftstücke deutlich andere Merkmale haben. Aufgrund der stilistisch unterschiedlichen Textpassagen wird das Werk mehreren Autoren zugeschrieben. Die Inhalte der Chronik werden nach dem heutigen Wissensstand in Frage gestellt, da wichtige Quellen der Zeit nicht genutzt wurden und man vermutet dass die Autoren ihre eigene Politik untermauern wollten. Die Autorität der skandinavischen Rjurikidendynastie schienen sie legitimieren zu wollen, was vor allem vor dem Hintergrund des erstarkenden Christentums eine Art Nationalmythos bilden sollte und letztendlich wohl dem Erhalt ihres Status quo dienen sollte. Vielfach verwendet wird auch die DAI (De administrando imperio) von 948 –952, des Imperators Konstantine VII (Porphyrogenitos) für seinen Sohn Romanus. Die Quelle ist im Sinne der pädagogischen Funktion in Bezug auf byzantinische Aussenpolitik zu betrachten.